Über Grenzen hinaus denken

 

Ich habe zu einer Zeit mit dem Theologiestudium begonnen, als Frauen, die katholische Theologie studierten, noch ein Exotikum waren, als mit Bologna nur eine Stadt in Italien und noch keine gesamteuropäische Hochschulreform assoziiert wurde und "Mentoring" für mich wie für die meisten anderen noch ein Fremdwort war. Auch der Begriff "Karriereplanung" kam in meinem damaligen Vokabular nicht vor. Ich habe ab Mitte der 1970er Jahre in Luzern katholische Theologie studiert, ohne genaue Berufsvorstellungen damit zu verbinden. Ich wollte Theologie studieren, weil mich existenzielle Fragen umtrieben, auf die ich im Psychologiestudium, das ich vier Semester lang an der Universität Zürich absolviert hatte, keine befriedigende Antworten fand. Weshalb gibt es das abgrundtief Böse in der Welt, das Menschen einander antun? Wie kann man angesichts des Holocaust noch an einen allmächtigen und gerechten Gott glauben? Was trägt die (christliche) Religion zu einem guten und gerechten Leben für alle Menschen bei? Woraus schöpfe ich Hoffnung und Sinn? Solchen Fragen auf den Grund zu gehen, war mein Antrieb, Theologie zu studieren, und nicht das Berufsziel, Seelsorgerin zu werden (die es in meinem kirchlichen Umfeld noch gar nicht gab). Ich habe deshalb zunächst evangelische Theologie im Nebenfach an der Universität Zürich studiert und mich erst dann für ein Vollstudium in katholischer Theologie in Luzern entschieden. Studieren: Dies hiess für mich und viele andere damals nicht einfach nur Vorbereitung auf eine Berufsausübung oder das Sammeln von "Credit Points", sondern sich mit Themen gründlich auseinanderzusetzen, sich den Luxus des Lesens und Nachdenkens leisten zu können, lustvoll und nächtelang zu debattieren.

Dennoch habe ich mir natürlich Gedanken gemacht, was ich nach dem Studium mit meinem Wissen anfangen könnte. Da ich zu keiner Zeit das Ziel hatte, in der Pastoral zu arbeiten, habe ich begleitend zu den letzten Semestern des Theologiestudiums die dreijährige Diplomausbildung als Erwachsenenbildnerin an der Akademie für Erwachsenenbildung in Luzern absolviert, um später in einem Bildungshaus wie etwa der Paulus-Akademie Zürich arbeiten zu können. Dass mein beruflicher Werdegang dann so verlaufen ist, wie er ist, war in vielem Zufall: So sind mir zur richtigen Zeit berufliche Angebote "zugefallen", die dann meinen Weg in eine bestimmte Richtung gelenkt und mich zu der gemacht haben, die ich geworden bin: eine freischaffende feministische Theologin, Publizistin, Buchautorin, Dozentin, Mitgründerin und Redaktorin der feministisch-theologischen Zeitschrift FAMA, Gründungsmitglied und lange Jahre Schweizer Kontaktfrau der ESWTR, langjährige Präsidentin des cfd – einer feministischen Friedensorganisation – sowie Mitgründerin und Geschäftsleiterin des "Interreligiösen Think-Tank".

Begonnen hat meine berufliche Laufbahn nach Abschluss des Studiums der katholischen Theologie in Luzern 1982 mit dem Angebot des damaligen Philosophieprofessors, bei ihm als Assistentin zu arbeiten und daneben eine Dissertation zu schreiben. Dies war eine einmalige Chance, aber auch eine grosse Herausforderung, da ich als erste Frau, die in diesem Fachbereich als wissenschaftliche Assistentin arbeitete, viel Kraft darauf verwenden musste, mir und meinen männlichen Kollegen zu beweisen, dass Frauen genauso gut denken können wie Männer. Unterstützt wurde ich darin von meinem Chef und Doktorvater Dominik Schmidig, der an meine intellektuellen Qualitäten glaubte und mich stets ermutigte. Die Philosophie faszinierte mich, weil sich hier mein Denken frei entfalten konnte und keine Dogmen und Glaubenssätze wie in der katholischen Theologie ihm Grenzen setzten. Dass ich dann aber mit meinem Dissertationsprojekt zur Frühromantik bzw. zur Religionsphilosophie von Novalis gescheitert bin, hatte – rückblickend gesehen – weniger mit meinem intellektuellen Unvermögen als mit meinem mangelnden Selbstbewusstsein zu tun. Ich zweifelte an meinen Fähigkeiten, eine Dissertation schreiben zu können, und habe das Projekt abgebrochen, anstatt mir fachliche Unterstützung oder ein Coaching zu suchen. Mentoring gab es damals noch nicht und auch kaum andere Doktorandinnen, mit denen ich mein "Scheitern" als typisch weiblich hätte analysieren können. Dass ich dann viele Jahre später, mit Vierzig, doch noch eine Dissertation geschrieben habe, diesmal zu einem Kernthema der Dogmatik, nämlich der Christologie, die ich aus einer feministisch-theologischen Perspektive kritisch beleuchtet habe, verdankt sich wieder einem Zu-fall oder wie ich heute im Rückblick sagen würde: einem Sinn-fall.

Ausgelöst wurde mein Wechsel von der Philosophie zur feministischen Theologie 1985 durch die Anfrage der Frauengruppe der Theologischen Fakultät der Universität Bern, ob ich für das Wintersemester 1985/86 den ersten regulären feministisch-theologischen Lehrauftrag an einer Schweizer Universität übernehmen wolle. Was ich bisher nur in meiner Freizeit, neben meiner universitären Tätigkeit als Assistentin im Fachbereich Philosophie, getan hatte, nämlich in Vorträgen und Artikeln in die feministische Theologie einzuführen, die ich dank den Büchern von Mary Daly, Elisabeth Schüssler Fiorenza, Catharina Halkes und Elisabeth Moltmann-Wendel entdeckt hatte, konnte ich nun ein Semester lang hauptamtlich tun. Das Vorlesungsmanuskript dieser Einführung in feministische Theologie, in der ich alle Kernthemen behandelt habe, reichte ich dann auf Anraten meiner Freundinnen bei einem Verlag ein. 1987 wurde es im Exodus-Verlag unter dem Titel "Aufbruch zu neuen Räumen. Eine Einführung in feministische Theologie" als Buch veröffentlicht. Es fand grosses Echo, erreichte drei Auflagen, machte mich über die Schweizer Grenzen hinaus bekannt und verschaffte mir unzählige Anfragen für Vorträge, Lehraufträge und Artikel. Damit war mein weiterer beruflicher Weg vorgespurt und ich habe mir einen Beruf erfunden, den es so noch nicht gab: freischaffende feministische Theologin.

In derselben Zeit, 1985, habe ich mit katholischen Kolleginnen die feministisch-theologische Zeitschrift FAMA gegründet (www.fama.ch), mit der wir uns ein eigenes Sprachrohr für unsere feministisch-theologischen Themen und Debatten geschaffen haben. Über 20 Jahre, bis 2006, habe ich die FAMA ehrenamtlich in einem ökumenischen Theologinnen-Team mit herausgegeben und bin stolz, dass uns ein Generationenwechsel gelungen ist und die FAMA in diesem Jahr ihr 30-jähriges Bestehen feiern konnte.

Es war eine Zeit des Aufbruchs, damals, vor 30 Jahren, und eine Zeit der grossen Träume: Eigen-willig denkend und handelnd wollten wir nichts weniger als die Welt verändern, uns mit Lust und Leidenschaft aus dem engen Korsett weiblicher Rollenbilder befreien, neue Formen und Gefässe schaffen für unsere Vorstellungen von Gott und der Welt. Wir waren in der Schweiz Pionierinnen einer neuen Bewegung und es gab unendlich viel zu tun, neu zu denken, neu zu gestalten. Denn wir wollten nicht einfach Gleichstellung in den patriarchalen Institutionen und strebten auch keine Karriere nach männlichem Vorbild an: Es ging uns um eine grundlegend neue Geschlechter- und Werteordnung, um neue Lebens- und Arbeitsverhältnisse, um eine Veränderung gesellschaftlicher und kirchlicher Machtstrukturen. Wir haben in den 1980er und 1990er Jahren Frauentagungen an der Paulus-Akademie und auf Boldern organisiert, lokale Frauengottesdienste gefeiert und nationale Frauensynoden durchgeführt, Lese- und Diskussionsgruppen initiiert, Kritik an den patriarchalen Strukturen von Kirche und Gesellschaft geübt, Vorträge gehalten und Artikel geschrieben, eine Interessengemeinschaft von Feministischen Theologinnen der Schweiz gegründet (www.feministische-theologinnen.ch) und an einigen Universitäten feministisch-theologische Lehraufträge durchgesetzt. Und das Lustvolle dabei: Ich war mit meinem Unbehagen an der im Studium vermittelten Theologie nicht mehr allein, wir waren viele, wir fanden Gründe für unsere Fremdheitsgefühle in unserer religiösen Tradition, wir entdeckten unser biblisches und geschichtliches Frauenerbe als unsere Macht und kartografierten die christliche Glaubenslandschaft mit unseren Erfahrungen, mit unseren Wörtern und unseren Bildern für das Göttliche, für Sünde und Erlösung neu.

 

FAMA, 5 jähriges Jubiläum
Luzern, 1990

3 der Gründerinnen:

Doris Strahm
Monika Hungerbühler
Li Hangartner

(von rechts nach links)

 

 

Nebst meiner vielfältigen freiberuflichen Tätigkeit als Referentin und Publizistin wollte ich meine feministisch-theologische Auseinandersetzung mit der traditionellen Christologie, die ich in den Berner-Vorlesungen begonnen hatte, in einer Dissertation vertiefen. Dieses Vorhaben führte mich 1987 nach Fribourg, an die dortige Theologische Fakultät, um beim Dogmatiker Johannes Brantschen, der in seinen Seminaren feministische Theologie unterrichtete, anzufragen, ob er eine solche Dissertation begleiten würde (Theologie-Professorinnen gab es damals noch nirgends in der Schweiz). Und auch hier war ich zur rechten Zeit am rechten Ort und habe Bestärkung und Unterstützung erfahren: Professor Brantschen bot mir eine Stelle als wissenschaftliche Assistentin an, mit der Aufgabe, seine feministisch-theologischen Seminare zu übernehmen sowie Seminar- und Lizentiatsarbeiten zur feministischen Theologie zu begleiten. So habe ich parallel zu meiner freischaffenden Tätigkeit viele Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Fribourg feministisch-theologische Hauptseminare durchgeführt, zunächst allein, später dann zusammen mit meiner Kollegin Regula Strobel. Diese Zusammenarbeit war nicht nur ungemein inspirierend und kreativ, sondern auch gegenseitiges Empowerment und gelebte "Schwesterlichkeit". Gemeinsam haben wir in dieser Zeit ein Buch zur "Christologie aus feministisch-theologischer Sicht" mit Beiträgen von Autorinnen aus dem europäischen Raum konzipiert und unter dem Titel "Vom Verlangen nach Heilwerden" im Jahr 1991 publiziert. Gemeinsam haben wir nach Ablauf unserer Assistentinnentätigkeit 1993 auch ein Nationalfondsprojekt begonnen, das uns für drei Monate nach Cambridge/Boston führte und uns in Kontakt mit sog. women of color brachte.

Diese Begegnungen haben meinem Dissertationsprojekt zur feministischen Christologie eine neue Richtung gegeben und zu einem weiteren Aufbruch in neue Räume, ja Kontinente geführt. Ich habe versucht, meine eurozentrische Sicht aufzubrechen, die mir bis dahin nicht bewusst gewesen war, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen, indem ich die theologischen bzw. christologischen Sichtweisen von Frauen aus Asien, Afrika und Lateinamerika ins Zentrum meiner Dissertation gestellt habe. Diesmal ging ich mit Selbstbewusstsein, Begeisterung und der Unterstützung von Kolleginnen an die wissenschaftliche Arbeit und reichte meine Doktorarbeit 1996 an der Universität Fribourg ein. 1997 wurde sie unter dem Titel "Vom Rand in die Mitte. Christologie aus der Sicht von Frauen aus Asien, Afrika und Lateinamerika" publiziert. Mit diesem Buch habe ich nicht nur meinen eigenen Horizont geweitet, sondern die Stimmen von Frauen der sog. Dritten Welt in unserem Kontext bekannt gemacht und eine differenziertere Wahrnehmung von Frauenerfahrungen als kontextuell geprägte in die feministisch-theologischen Debatten eingebracht. Mit Vorträgen im In- und Ausland sowie Lehraufträgen an den Universitäten Fribourg, Luzern und Basel konnte ich diese neue Sicht in breite Kreise weitervermitteln.

Die Auseinandersetzung mit kontextuellen und postkolonialen Ansätzen feministischer Theologien führte mich dann weiter zur Beschäftigung mit interkulturellen Theologien und schliesslich zum interreligiösen Dialog aus Frauen- und Gendersicht. Mit muslimischen, jüdischen und christlichen Theologinnen habe ich ab der Jahrtausendwende interreligiöse Theologiekurse für Frauen konzipiert und angeboten, Dialogveranstaltungen und interreligiöse Podien durchgeführt und 2006 mit meiner evangelischen Kollegin Manuela Kalsky aus den Niederlanden ein Buch zum interreligiösen Dialog herausgegeben, das erstmalig im deutschsprachigen Raum die Erfahrungen und Sichtweisen von Frauen im interreligiösen Dialog reflektierte: "Damit es anders wird zwischen uns. Interreligiöser Dialog aus der Sicht von Frauen." Daraus sind dann wiederum viele Veranstaltungsanfragen sowie Lehraufträge an den Universitäten Fribourg, Luzern und Bern hervorgegangen.

Die langjährigen Dialog-Erfahrungen in interreligiösen Frauenprojekten führte bei mir und meinen Kolleginnen zum Wunsch, diese Erfahrungen mit mehr Gewicht in die öffentlichen Religionsdebatten einzubringen, die einseitig von männlichen Amtsträgern der Religionsgemeinschaften dominiert werden. Ende 2008 habe ich deshalb mit meiner muslimischen Kollegin Amira Hafner-Al Jabaji und meiner jüdischen Kollegin Gabrielle Girau Pieck den "Interreligiösen Think-Tank" gegründet, mit dem wir uns in die aktuellen Religionsdebatten einmischen (www.interrelthinktank.ch). Das Spezifische des Interreligiösen Think-Tanks, der zur Zeit sieben Fachfrauen umfasst (zwei Jüdinnen, zwei Musliminnen, drei Christinnen), ist zum einen, dass wir alle institutionell unabhängig sind und auch den institutionskritischen Stimmen in der Öffentlichkeit mehr Gehör verschaffen wollen. Die offiziellen interreligiösen Gremien ignorieren häufig, dass sich heute in der Schweiz ein Grossteil der Menschen in den drei monotheistischen Religionen, die sich als religiös verstehen, immer weniger mit den religiösen Institutionen und ihren Vertretern identifiziert. Und zweitens will der Think-Tank die spezifischen Interessen von Frauen vertreten und die Genderperspektive in die religionspolitischen Debatten einbringen, die meist ausgeblendet werden.

Doch in die "Frauenecke" lassen wir uns nicht abdrängen, weshalb wir uns bewusst auch nicht Frauen-Think-Tank nennen. Unser Anspruch ist umfassend: Wir mischen uns in alle aktuellen interreligiösen und gesellschaftlichen Debatten ein und richten uns an alle gesellschaftlichen Kreise. Mit Statements und Argumentarien zur Minarett- und Burkadebatte haben wir gegen Fremdenfeindlichkeit und die politische Instrumentalisierung von Frauenrechten durch rechtsbürgerliche Kreise Stellung genommen, mit einem Manifest "Weibliche Freiheit und Religion sind vereinbar" plädieren wir für eine differenziertere Debatte um Religion und Frauenrechte, in einer 90-seitigen Studie zu Leitungsfunktionen von Frauen im Judentum, Christentum und Islam stellen wir den Stereotypen und Vorurteilen bezüglich der Stellung von Frauen in den drei monotheistischen Religionen Fakten gegenüber. Unser bis anhin erfolgreichstes Produkt ist ein "Leitfaden für den interreligiösen Dialog", der nach seinem Erscheinen im November 2013 heute bereits in der dritten Auflage vorliegt. Und jüngst haben wir im Hinblick auf die aktuellen Debatten um die Zukunft der Schweiz unsere Vision einer anderen Schweiz entworfen: einer Schweiz, die nicht von Angst, Abschottung und Egoismus getrieben ist, einer weltoffenen Schweiz inmitten einer vernetzten und kulturell und religiös pluralistischen Welt: "Ein neues Wir – Die Schweiz im Jahr 2020."

 

Interreligiöser Think-Tank.
Vernissage in Basel, 2013

Die 3 Gründerinnen:

Doris Strahm (christlich)
Amira Hafner-Al Jabaji (muslimisch)
Gabrielle Girau Pieck (jüdisch)

(von links nach rechts)

 

 

Neben meiner Arbeit als feministische Theologin, unter anderem als Dozentin für "Christologie" im "Studienkurs Theologie" der theologiekurse.ch, manage ich nun seit bald sechs Jahren als Geschäftsleiterin unseren siebenköpfigen institutionell unabhängigen "Interreligiösen Think-Tank" und denke und arbeite inhaltlich mit an einem gesellschaftlichen Projekt, das die Anerkennung der Anderen, religiöse Vielfalt und ein gerechtes und gutes Zusammenleben fördern will. Hier schlägt nicht nur mein theologisches und politisches Herz. Hier kann ich auch alle meine in den letzten Jahren erworbenen Fähigkeiten einbringen: mein christlich-theologisches und interreligiöses Fachwissen, meine Dialogerfahrungen und -kompetenzen, mein Know-how bezüglich Redaktionsarbeit und Herausgeberinnentätigkeit, aber auch meine Kenntnisse bezüglich Projektleitung, Fundraising und Pressearbeit, die ich mir beim cfd (www.cfd-ch.org) erworben habe, als ich die feministische Friedensorganisation von 1999-2008 als Präsidentin mit leitete. In meine Zeit beim cfd fielen einige grössere Organisations- und Strategieprozesse, in denen ich als Theologin ganz neue Kompetenzen entwickeln musste und so meinem beruflichen Portfolio nicht nur neue Themenfelder wie (feministische) Friedens- und Migrationspolitik, sondern auch neue Skills hinzugefügt habe.

Wenn ich meine berufliche Biografie überblicke, lassen sich einige typische Muster erkennen:

Ich habe immer eine Balance zwischen wissenschaftlicher Tätigkeit und Vermittlung an die sog. "Basis" gesucht. In Kursen, Vorträgen, Büchern und Artikeln habe ich einen Transfer meiner Erkenntnisse in die Praxis versucht und umgekehrt Erfahrungen aus der Praxis theoretisch reflektiert. Aus neuen Forschungsthemen sind Buchprojekte und aus diesen Anfragen für Lehraufträge an Universitäten und für Vorträge und Kurse hervorgegangen.

"Über Grenzen hinaus denken" war und ist ein wichtiges Motto meiner Arbeit: über die Grenzen einer dogmatisch verengten Glaubenslehre, über die Grenzen einer patriarchalen und androzentrischen christlichen Theologie, über die Grenzen einer eurozentrischen feministischen Theologie, über die Grenzen der eigenen Religion hinaus.

Learning by Doing ist ein weiteres Muster meines beruflichen Werdegangs: So haben wir als junge Theologinnen ohne jede Erfahrung einfach eine Zeitschrift ins Leben gerufen und von der Pike aus alles selber gemacht und uns das nötige Know-how Stück für Stück angeeignet. Auch als Präsidentin des cfd habe ich mir durch die tägliche Praxis zunehmend Kenntnisse in Management- und Marketingfragen, Organisationsentwicklung und Strategieprozessen erworben und so gelernt, zusammen mit dem Vorstand ein Hilfswerk zu leiten.

Schreibtischtäterin und Teamplayerin: Ob FAMA-Redaktionsteam, Herausgeberinnenkreis des Wörterbuchs der Feministischen Theologie, cfd-Vorstand oder Team des Interreligiösen Think-Tank: Ich habe seit meinen beruflichen Anfängen neben der einsamen Arbeit am Schreibtisch immer auch in Teams gearbeitet und schätze und geniesse beides sehr: die Einsamkeit des Schreibens und den intellektuellen Austausch und das gemeinsame Arbeiten an einem Projekt.

Im herkömmlichen Sinn habe ich keine Karriere gemacht, wenn Karriere meint, in den bestehenden Strukturen eine möglichst einflussreiche Position zu erreichen. Ich habe keine Professur erlangt, da mir einerseits als feministische Theologin die Option auf eine Professur in katholischer Dogmatik verbaut war und ich andererseits eine universitäre Karriere auch nie angestrebt habe, weil mir der Preis für diese Art Karriere in einem nach wie vor äusserst patriarchalen System persönlich zu hoch ist. Ich habe auch keine kirchliche Führungsposition erreicht, weil ich nie ins patriarchale System "römisch-katholische Kirche" einsteigen wollte. Als Feministin wollte ich patriarchale Strukturen verändern, neue Arbeits- und Denkräume für Frauen und unsere Anliegen mit aufbauen, das Eigene zur Sprache bringen, mit unseren Visionen die Welt mitgestalten und öffentlich Einfluss nehmen. Und in diesem Sinne habe ich Karriere gemacht: Ich habe in meinen Büchern, Vorträgen, Artikeln und Projekten meine theologischen und gesellschaftlichen Visionen zur Sprache bringen können, konnte zum theologischen Aufbruch vieler Frauen beitragen, habe Projekte wie die Zeitschrift FAMA oder den Interreligiösen Think-Tank mit in die Welt gesetzt, mit denen wir ein Stück weit öffentlich Einfluss nehmen können. Und als freischaffende Grenzgängerin habe ich mir – ein grosses Privileg – stets meine Unabhängigkeit im Denken und Handeln bewahren können.

Mein Weg als freischaffende feministische Theologin wäre nicht möglich gewesen, wenn ich nicht über all die Jahre Unterstützung aus meinem privaten Umfeld erfahren hätte. Auch wenn es zu meiner Zeit noch keine Mentoringprogramme gab, so habe ich doch privat sehr wohl MentorInnen gehabt: In erster Linie meinen engsten Freund und Ehepartner Hans-Beat Jenny, der von Anfang an meine Arbeit als unabhängige feministische Theologin befürwortet und ideell wie auch finanziell mit unterstützt hat und mir bis heute Mentor und ständiger Gesprächspartner ist. Ohne einen Lebenspartner, der sich stets für meine feministisch-theologische Arbeit interessiert hat und bis heute meine theologischen, feministischen und politischen Anliegen teilt, hätte ich meinen Weg wohl nicht gehen können. Grosse und treue Unterstützung in all meinen Vorhaben habe ich auch von meiner Schwester Silvia Strahm erfahren, die – ebenfalls feministische Theologin – mir inspirierende Diskussionspartnerin und Mentorin ist, meine Artikel und Vorträge kritisch gegenliest, mich ermutigt und sich über meine "Erfolge" – neidlos – freut. Auch meine feministisch-theologischen Kolleginnen Monika Hungerbühler, Li Hangartner und Carmen Jud, mit denen ich seit der FAMA-Gründung befreundet bin, haben meine Projekte immer interessiert begleitet und mich in meinen verschiedenen Unternehmungen bestärkt. Und auch die Zusammenarbeit in unserem "Interreligiösen Think-Tank" ist von gegenseitigem Respekt, Vertrauen und freundschaftlicher Wertschätzung geprägt. Konkurrenz oder Missgunst habe ich im engeren beruflichen Umfeld nie erfahren müssen. Im Gegenteil: "Empowerment" und "Schwesterlichkeit" sind für mich nicht einfach nur schöne feministische Schlagworte, sondern Erfahrungen, die mich durch meine gesamte Karriere als freischaffende feministische Theologin durchgetragen haben.

Doris Strahm

 

 

© Doris Strahm 2014